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Ein Besuch bei Musikelectronic Geithain von W. Dunkel

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    Ein Besuch bei Musikelectronic Geithain von W. Dunkel

    Ein Besuch bei MUSIKELECTRONIC GEITHAIN
    von Winfried Dunkel
    Eigentlich wollte ich schon vor fast drei Jahren einen Besuch bei Musikelectronic Geithain gemacht haben - doch wie es so geht: immer kam etwas dazwischen und die Gabe der Ubiquität fehlt mir leider. Nun aber mußte es denn sein und nach diversen Terminumschichtungen und -umplanungen stand endlich der Besuchstag fest.
    ‘Was man sich alles antut!’, sagte eine Gedankenschleife im Hinterkopf, als ich die endlosen 538 Kilometer Autobahn und Landstraße abriß. Doch mein Interesse, die “Geburtsstätte” meine Aktivmonitore kennenzulernen, überwog; und das pfiffige Radioprogramm von “Antenne Thüringen” überbrückte ein wenig die stundenlange Fahrt... Endlich: Abfahrt Glauchau, weiter Richtung Waldenburg, über Narsdorf nach Geithain.
    Geithain - eine kleine Stadt in sächsischer Hügellandschaft, historische Altstadt mit buckeligem Kopfsteinpflaster und raffinierter Einbahnstraßen-Verkehrsführung: wer über einen so “hochentwickelten” Ortssinn verfügt wie ich, kann dort den ganzen Tag im Kreis fahren... Doch wieder ernsthaft: Herr Kiesler, der Chef der Firma Musikelectronic, hatte mir den Weg sehr gut beschrieben und so fand ich auf Anhieb die Nikolaistraße, in welcher die Firma ansässig ist. Ich schaute nach den Hausnummern... ‘da müßte doch eine große Leuchtreklame auf den Betrieb aufmerksam machen...?’ Und schon war ich zu weit gefahren. Wenden - geht nicht, Einbahnstraße... Also nochmal rundherum um’s Carrée und neu ansetzen... Tatsächlich: Das alte Gebäude mit der Nummer 7, links in die Badergasse - und schon war ich auf dem im Innenhof gelegenen Firmenparkplatz. Von wegen Leuchtreklame! Marktschreierei lehnt man bei ME ab - ein kleines, bescheidenes Schild tut kund, wer hier was produziert.
    Der Firmensitz ist - wie schon angedeutet - ein altes Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Vormals beherbergte es ein Kloster, später eine Brauerei - und heutigentags werden in dem eindrucksvollen und mit unglaublich viel Eigenleistung restaurierten Hause u.a. Studio-Regiemonitore und Elektronik gefertigt... ich komme noch nicht von diesem wunderbaren, historischen Gebäude mit seinen fast meterdicken Wänden, Gewölben, hohen, in Jahrhunderten ausgetretenen Steintreppen und “endlosen”, verwirrenden Zimmerfluchten und Gängen los... Von draußen führt eine Treppe zum ersten Stock, wo Herrn Kieslers Büro mit integriertem Hörraum liegt - Musikwiedergabe und Administration in einem. Hier wie auch im ganzen übrigen Hause spürt man, daß Entwicklung und Herstellung Hand in Hand gehen, eins sind und nur eine Verpflichtung kennen: Musik so getreu wie möglich zu reproduzieren.
    Doch nun zu den Fakten: Joachim Kiesler, Jahrgang 1941, gründete am 1.5.1960 die Firma. Der Rundfunk- und Fernsehmechanikermeister steuerte mit viel Geschick den Betrieb auch in den Jahren der DDR, verhalf ihm zu internationalem Ansehen. Musikelectronic Geithain befaßt sich mit der Produktion von Regielautsprechern, Beschallungsanlagen, Akustikbau und Meßtechnik. Die Sparte “Akustikbau” bietet die Einrichtung von Tonstudios und Regieräumen an; Kunden sind (wie auch bei den anderen Produktlinien) eben Tonstudios sowie natürlich Rundfunk- und Fernsehanstalten, Institute (wie z.B. die Hochschule für Musik Detmold), Theater und so fort. Über “Musik im Raum”, Aarstraße 114, in 65232 Taunusstein schließlich sind die Lautsprecher von ME auch dem privaten Interessenten zugänglich.

    Jochen Kiesler ist freundlich, hilfsbereit, völlig unkompliziert, humorvoll und ein absoluter Kenner seiner Materie; allessamt Eigenschaften, die das gemeinsame Arbeit mit ihm überaus angenehm machen. Seit jeher ist es Herrn Kiesler zudem ein wichtiges Anliegen, technische Praxis zu vermitteln. Daß ME ein begehrter Ausbildungsplatz ist, bedarf gewiß keiner expliziten Hervorhebung. Hier spielt sicher auch das vorbildliche Betriebsklima eine besondere Rolle: Selten anzutreffender Teamgeist läßt der in unserer Gesellschaft immer mehr um sich greifenden Kälte, der “Ich AG”, dem “jeder gegen jeden” keine Chance. Bei Musikelectronic herrscht auffallendes Miteinander, gemeinsames Arbeiten auf ein Ziel hin; oder, um eine idiomatische Wendung zu bemühen: Alle ziehen am gleichen Strang. Dies führt im Endeffekt dahin, daß Joachim Kiesler und seine 15 Mitarbeiter (er würde die Reihenfolge der Nennung mit Sicherheit umkehren) Weltklasse produzieren und international Maßstäbe setzen. Übrigens fand letzteres seine Würdigung in der Verleihung des “Innovationspreises des Freistaates Sachsen” (1992).

    Teamgeist - man sieht, hier wird die Tätigkeit zur persönlichen Verantwortung, zum persönlichen Anliegen: WIR bauen Lautsprecher, Elektronik, Akustikeinrichtungen und Meßtechnik. Teamgeist - hier wird ernsthaft geforscht, entwickelt und handwerklich gearbeitet. Bei Musikelectronic Geithain nämlich wird alles selbst gefertigt! Wie weit das geht, wollen wir uns nun auf einem Rundgang durch das Werk anschauen. Herr Kiesler erwies sich als ebenso kenntnisreicher wie humorvoller “Fremdenführer” und zeigte mir den ganzen Betrieb. Dabei fiel mir auf, daß er, wenn von der Firma die Rede war, er Entwicklung und Produktion erläuterte, niemals “ich” sondern stets “wir” sagte...
    Zu ebener Erde, am Firmenparkplatz, liegt eine Schlosserei. Hier werden die Lautsprechergehäuse und die Gabelständer gefertigt. Des weiteren produzieren diese Werkstätten auch sämtliche Sonderanfertigungen für den Akustikausbau.
    Hat man die eingangs erwähnte Treppe vom Innenhof zum ersten Stock erstiegen, gelangt man linker Hand zu Herrn Kieslers Büro mit integriertem Hörraum sowie in die Verwaltung. Selbige zeigt sich als helles, großzügiges und modern ausgestattetes Büro, wo via Telephon, Fax, E-Mail und Internet die Kunden betreut und Aufträge bearbeitet werden. Wenden wir uns nach rechts und betreten die beiden Lagerräume für die Produktion; hier findet sich alles, was für die Herstellung der Geräte benötigt wird. An die Lager schließt sich ein Raum an, in dem die Schwingspulen gewickelt und Schwingeinheiten komplettiert werden - bei ME Geithain gelangen ausschließlich eigengefertigte Chassis zum Einsatz, weshalb man einerseits lückenlose Kontrolle über sämtliche Qualitätsparameter besitzt, andererseits kann dergestalt ein Teil wie das andere produziert werden. Endmontage und Qualitätsprüfung findet in weiteren Labors statt (im Firmanjargon “Technologie” genannt), wobei selbstredend jedes einzelne Chassis und jeder fertige Lautsprecher mit sämtlichen Daten erfaßt und sowohl im Computer als auch ausgedruckt (ganz “altmodisch” auf Papier und in dicken Ordnern) gelistet werden. Der Meßgerätepark, der bei ME zu Entwicklung und Produktion Verwendung findet, ist - schlicht gesagt - beeindruckend und unterstützt nicht zuletzt auch die Herstellung und Prüfung der ebenfalls in eigener Regie entstehenden Elektronik-Platinen und deren Bestückung.

    Front- und Rückansicht der RL 904. ME-Geithain hat sich mit qualitativ hochwertigen Lautsprechern durchgesetzt und nebem dem professionellen Bereich auch viele Musik- und Hififreunde für sich gewinnen können. Heute haben die Lautsprecher dieses Herstellers sicherlich das beste Image unter den Aktivboxen. Vom letztgenannten Labor führen einige Stufen hinab in den reflexionsarmen Raum - für mich war’s eine Premiere: ich hatte zuvor eine solche Einrichtung noch nie gesehen, oder besser: gespürt! Können Sie sich vorstellen, welch eigenartiges Gefühl es ist, in einem geschlossenen, durch beinahe meterlange in ihn hineinragende Faserstoff-Dämmkeile futuristisch wirkenden Raum zu stehen, die Stimme des Gegenübers zwar zu vernehmen, jedoch ohne jegliche Hall- und Reflexanteile? Das wirkt wie der akustische Habitus eines anderen Sterns und man weiß nicht so recht, ob das unangenehm, nur fremd und ungewohnt oder doch irgendwie “toll” ist...
    Soweit, so interessant - das letztlich Einmalige an jenem reflexionsarmen Raum ist: Den haben die Geithainer komplett selbst gebaut! Die 5000 fast meterlangen und umfänglichen Faserstoffkeile sind allesamt handgefertigt...! Derlei Absorptionselemente kann man nicht “pi mal Daumen” ausführen, sie sollen schließlich gezielte Wirkung zeitigen - und dafür muß gemessen und gerechnet werden. Zur Feststellung der Absorptionswirkung nämlich benötigt man eine Prüfeinrichtung, die in der Physik unter dem Namen “Kuhnt’sches Rohr” bekannt ist: Eine sechs Meter lange, gemauerte Röhre mit integriertem Meßequipment. Und natürlich besitzt Musikelectronic ein solches Kuhnt’sches Rohr - keine Frage: selbst gebaut und eingerichtet...!!!
    Anschließend ging’s in das zweite Obergeschoß, wo man sich ein großes Abhör- und Vorführstudio eingerichtet hat, das Vergleichbares sicher lange vergeblich suchen dürfte! Die langjährige Erfahrung und das komplexe Fachwissen nicht nur auf dem Gebiet der Elektroakustik, sondern auch hinsichtlich des Akustikbaus manifestiert sich in höchst beeindruckender Weise in eben diesem großartigen Raum. Hier steht die gesamte Produktpalette vorführbereit; bequeme Polsterstühle laden zum Hören und Verweilen ein. Die patentwürdige Akustikdecke enthält zahllose kleine Halogenstrahler, was das Abhörstudio in weiches, angenehmes Licht taucht und dem ganzen eine schwer beschreibbare, faszinierende Atmosphäre verleiht. Hinter den Sitzgelegenheiten steht ein umfängliches Rack mit Vorverstärker(n), CD-Playern, DAT-Recorder, CD-Recorder und einer (natürlich) selbstgebauten, gepegelten Umschaltanlage. So kann der Interessent alle Lautsprechertypen miteinander vergleichen. Diese sind so aufgestellt, daß eine gegenseitige Beeinflussung oder gar Beeinträchtigung ausgeschlossen ist. Herr Kiesler überließ mir das Studio für gut eine Stunde, weshalb ich in Ruhe mitgebrachte Tonträger (logischerweise auch unsere Hörerlebnis-CDs) hören konnte. Dieser Raum - ein Traum... Da erklingt einfach nur die tonträgerspezifische Klangwelt - und sonst nichts. Man wähnt sich bei jeder guten Aufnahme dabei, mittendrin, davor... wie der jeweilige Tonmeister es halt beabsichtigte. Daß die für professionelle Regieräume konzipierten Geithain-Monitore hier ihre wirkliche Leistungsfähigkeit zeigen können, steht außer Frage.
    Nachdem ich mein mitgebrachtes Programm gefahren hatte, demonstrierte Herr Kiesler noch die “Familienähnlichkeit” seiner Monitore: Derweil eine Beethoven-Symphonie erklang, schaltete er zwischen den verschiedenen Modellen um. Ja - das begeisterte mich fürwahr: Zwischen der großen, ca. 50 kg schweren RL 901 und der niedlichen, kleinen RL 906 (und natürlich auch den anderen Monitoren) besteht kein tonaler Unterschied! Lediglich Fülle, Druck und “Schubkraft” nehmen, in der Produktlinie aufsteigend, zu. Genau das wird von Profis gefordert: Raumgrößen und speziellen Abhörbedingungen adäquate Systeme, welche jedoch von Raum zu Raum keine Umorientierung des Tonmeisters nötig machen, da sie gleichmäßig klingen. Ein professioneller Anwender kauft nicht “den größten und teuersten Lautsprecher”, sondern den für seine Einsatzzwecke passenden. Es macht nämlich keinen Sinn, beispielsweise ein extrem leistungsfähiges Teil wie die 901 in einem Ü-Wagen zu montieren - der würde, salopp gesagt, “abheben”. Neben der Platzfrage stellt sich in solcher Umgebung die Erfordernis, in sehr begrenzten Raummaßen und daraus herleitendem, sehr kurzem Abstand zu hören - dabei darf sich das Klangbild, abgesehen von seiner absoluten Baßleistung und weiterer Parameter, die allesamt etwas mit Ausbreitungsverhalten tieffrequenter Wellen etc. zu tun haben, typisch nicht von großen Monitoren unterscheiden (außer siehe oben...). So bietet denn die Geithain RL 906 - ich nenne sie scherzhaft ‘mal “großer Standlautsprecher für Puppenstuben” - tonal dasselbe wie die vergleichsweise gewaltige RL 901. Und dazwischen ebenfalls: Alle Monitore entstammen derselben guten Familie... Der Anwender, und das meint nun auch den High-Ender, muß daher nach Maßgabe seiner privaten Raumgegebenheiten und Hörgewohnheiten, gemäß seiner Erwartung hinsichtlich entwickelbarer Lautstärke und gewünschter Schubkraft im tonal unteren Bereich entscheiden. Immer aber erhält er schlußendlich Monitore, die das reproduzieren, was ihnen via Tonträger und vorgeschalteter Kette angeboten wird. Punkt. (Näheres zum Thema entnehmen Sie bitte meinem Bericht über die RL 903 in Heft 22 - mit den dort veröffentlichten Aussagen und Erkenntnissen stehe ich nicht alleine: Gerhard Steinke, einer der führenden Köpfe der Elektroakustik, bezeichnete die Geithain- Monitore als “ein Meisterstück des Musikhandwerks”...)
    Der erlebnisreiche Tag, an dem ich zahlreiche neue Eindrücke und Erkenntnisse gewann, bzw. sammelte, ging viel zu schnell zu Ende. Beim gemeinsamen Abendessen wurden verschiedene Dinge noch vertieft - und bevor das vorzügliche Radeberger Pils “zuschlug”, notierte ich noch jene Fakten, die ich Ihnen mit den vorstehenden Zeilen nahezubringen versuchte.
    WD
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