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Neue deutsche Hyperaktivität: Matthias Schriefl und Hyperactive Kid

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    Neue deutsche Hyperaktivität: Matthias Schriefl und Hyperactive Kid

    In Deutschland macht eine junge Generation virtuoser, sympathisch eigenständiger Jazzmusiker von sich reden

    Und eine Szene, die diese hören will. Andreas Felber im Gespräch mit Trompeter Matthias Schriefl und dem Berliner Trio Hyperactive Kid.Wien – An sich klingt es harmlos, wenn Matthias Schriefl über seine Arbeit spricht. Er wolle einfach mit Klängen Geschichten erzählen; eine unaufgeräumte Wohnung, das Liebesleben der Nachbarn, dies alles könne dazu als Inspiration dienen. Allerdings: "Ich mag dieses normale Jazzkonzept nicht, dass alle einmal über dieselben Akkorde improvisieren müssen. Ich will in jedem Solo eine andere Farbe. Und ich stehe drauf, wenn sich das Stück wie in der klassischen Musik weiterentwickelt, in der Art von erstem, zweitem, drittem Satz."Wie atemberaubend derlei Konzeptgedanken klingen, wenn sie sich mit Nonpurismus, avanciertem Materialdenken und musikantischer Attitüde paaren, konnte man kürzlich mit Schriefls Quartett Shreefpunk im Porgy&Bess erleben. Und lässt sich auf der grandiosen CD Shreefpunk plus Strings (ACT) nachhören, mit der sich der Trompeter 2007 ins internationale Rampenlicht beförderte.
    Oldtime-Jazz-Tändeleien geraten da amüsant außer Tritt, um von Noisepunk-Attacken konterkariert zu werden. Ein trashiges Fugato von Streichern und der immer wieder multiphon intonierten Trompete mündet in funkigen Groove, um in freier Improvisation kontrolliert zu explodieren. Dann wieder räsoniert der 26-Jährige entrückt vor sich hin. Mit Schriefl, dem aus dem Allgäu stammenden Wahl-Kölner, ist zu rechnen. Und er ist nicht allein. Tatsächlich sticht dem Beobachter der deutschen Jazzszene eine wachsende Anzahl Hochtalentierter ins Ohr, die ihre hybride musikalische Sozialisation in eigenständigen Klängen reflektieren. Und er registriert die wachsende Bereitschaft, jenen Newcomern Gehör zu verschaffen.
    Plötzlich können etwa beim alteingesessenen Enja-Label Youngsters wie Pianist Florian Weber oder Saxofonist Benjamin Schaefer ihre Visitenkarten abgeben. Und leistet sich ausgerechnet ACT-Chef Siggi Loch, als knallharter Geschäftsmann bekannt, eine "Young German Jazz"-Reihe – um so neben Schriefl auch andere Junge auf die internationale Bühne zu schieben: Etwa auch den in Berlin ansässigen Pianisten Michael Wollny, der mit Hexentanz eine introspektiv implodierende Solo-Arbeit vorgelegt hat.
    Ein Symptom des in den letzten Jahren mit neuem Selbstbewusstsein vorangetriebenen Emanzipationsprozesses des europäischen Jazz? Eine Folge auch der Popularität des Stars Till Brönner? "Er hat sicher das Seinige dazu getan, dass nun auch Leserinnen von Frauenzeitschriften vermehrt in den Jazzclub gehen", so Schriefl schmunzelnd über den Trompeter-Kollegen. "Aber auch Roger Cicero und Robbie Williams haben geholfen, dass Jazz bei Jungen vermehrt 'in' ist. Ich habe das Gefühl, dass es mehr junges Publikum gibt. Vielleicht, weil nach der Disco- und Techno-Welle die Leute wieder Lust auf akustische, echte Musik haben, auf Handgemachtes, direkt in die Fresse."
    Dass junges Publikum zuströmt, können auch die Berliner von Hyperactive Kid bestätigen, die ihre sympathisch kompakte, kontrapunktisch geprägte Triomusik im Birdland zu Gehör brachten. "Obwohl wir Jazzmusiker sind, sitzen nicht nur bärtige, pfeiferauchende Männer in unseren Konzerten", so Gitarrist Ronny Graupe. Saxofonist Philipp Gropper verweist auf die wachsende Anzahl von Jazzabteilungen an den Musikhochschulen, die gut ausgebildete Absolventen hervorbrächten. Zudem: "Berlin ist keine teure Stadt, deshalb wächst die Szene. Man kann viel spielen, trifft viele Musiker, mit denen man Dinge ausprobieren kann. Es gibt viele Clubs, aber nur wenige, die mehr als etwa 50 Euro zahlen."
    Von idealen Bedingungen könne auch deshalb keineswegs die Rede sein. Ihre selbstbetitelte Debüt-CD mussten Hyperactive Kid im Eigenverlag herausbringen. "Die Initiativen für den deutschen Jazz bedeuten einen Tropfen auf den heißen Stein", sagen die drei. "Bei Labels wie Winter & Winter oder ECM hat eine deutsche Band kaum eine Chance.

    quelle http://derstandard.at/?url=/?id=3163621
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